Fachkräftemangel: Warum Betriebe aus der Oberpfalz bis nach Osteuropa suchen
- 18. Aug.
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Die Zahlen, die die IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim regelmäßig erhebt, sind ernüchternd.

So oder so ähnlich klingt es derzeit in vielen Handwerksbetrieben der Region: Die Stelle war seit sieben Monaten ausgeschrieben. Ein Elektroinstallateur für einen mittelständischen Betrieb im Landkreis Neustadt an der Waldnaab, Vollzeit, gute Bezahlung, sicherer Job. Bewerbungen kamen kaum. Am Ende wurde die Stelle über einen Personalvermittler in Polen besetzt. Ein typisches Bild, das die reale Lage in der Oberpfalz treffend beschreibt.
Fachkräftemangel - Lücke wächst Jahr für Jahr
Die Zahlen, die die IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim regelmäßig erhebt, sind ernüchternd: Rund 33.000 offene Stellen gab es 2024 im IHK-Bezirk. Bis 2029 wird ein Anstieg auf etwa 47.000 erwartet. Die rechnerische Arbeitskräftelücke, also die Stellen, für die es schlicht keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt, lag zuletzt bei rund 20.000 Personen. Sie soll bis 2029 auf 32.000 anwachsen, ein Plus von 60 Prozent in fünf Jahren.
Den größten Teil dieser Lücke machen Fachkräfte mit dualer Berufsausbildung aus: rund 13.000 fehlende Personen allein in dieser Qualifikationsstufe. Es fehlen also keine Akademiker, sondern Elektriker, Anlagenmechaniker, Maurer, Pflegerinnen und Pflegekräfte. Berufe, die das Fundament einer funktionierenden regionalen Wirtschaft bilden.
Der wirtschaftliche Schaden ist messbar: Durch unbesetzt bleibende Stellen entgeht der Region nach IHK-Schätzungen jährlich eine potenzielle Wertschöpfung von rund 3,7 Milliarden Euro, etwa sechs Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts.
Handwerk trifft es besonders hart
Fachkräftemangel - Im Handwerk ist der Druck besonders spürbar. Die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz meldete im August 2025 noch 445 offiziell unbesetzte Lehrstellen allein in der Oberpfalz. Die tatsächliche Zahl liegt nach Einschätzung der Kammer deutlich höher, weil viele Betriebe Vakanzen gar nicht erst öffentlich ausschreiben. Besonders gefragt und besonders schwer zu finden: Berufe in der Bauelektrik, im Sanitär- und Heizungsbereich und im Bauhandwerk.
Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick: Zum Ausbildungsstart 2025 stiegen die Neuverträge in der Oberpfalz um 6,81 Prozent auf 2.432. Auch die Zahl der Auszubildenden ohne deutschen Pass wuchs um fast zehn Prozent. Über 1.000 Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft begannen eine Handwerksausbildung in Niederbayern und der Oberpfalz, ein Zeichen dafür, dass die gezielte Anwerbung im Ausland beginnt, Wirkung zu zeigen.
13.500 Tschechen pendeln täglich
Für viele Betriebe im nördlichen Teil der Oberpfalz ist die Nähe zur tschechischen Grenze schon lange kein geografischer Zufall mehr, sondern ein wirtschaftliches Fundament. Rund 13.500 tschechische Pendlerinnen und Pendler fahren Stand 2025/26 täglich über die Grenze in die Oberpfalz, um dort zu arbeiten. Ohne sie wären Teile der Industrie und Gastronomie in der Region schlicht nicht arbeitsfähig.
Doch auch dieses Potenzial ist endlich. Die Löhne in Tschechien, besonders im Raum Pilsen und Prag, steigen kontinuierlich. Einfaches Anwerben reicht nicht mehr. Betriebe, die weiter auf tschechische Fachkräfte setzen wollen, müssen heute in Sprachförderung und interkulturelle Integration investieren.
Daher blicken immer mehr Unternehmen weiter: Die Agentur für Arbeit Weiden startete 2025/26 gemeinsam mit der Handwerkskammer Projekte zur Anwerbung von Auszubildenden und Fachkräften aus Kolumbien und Usbekistan. Die IHK Regensburg begleitet Betriebe mit einer Webinar-Reihe zu den rechtlichen Grundlagen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes und zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse.
Zwischen Strukturwandel und Demografie
Hinter der Stellenlücke steckt ein Mechanismus, der sich nicht kurzfristig aufhalten lässt: der Renteneintritt der Babyboomer-Generation. Während auf der einen Seite erfahrene Kräfte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, kommen auf der anderen Seite zu wenige Jüngere nach. Hinzu kommt, dass 2025 in Bayern ein kompletter Abiturjahrgang fehlte, weil die Schulen auf das neunjährige Gymnasium umgestellt haben, ein einmaliger Effekt, der den Wettbewerb um Nachwuchs in diesem Jahr besonders verschärft hat.
Die Agentur für Arbeit meldet für den Bezirk Weiden eine Arbeitslosenquote von rund 4,3 Prozent im Jahresdurchschnitt 2025. Das klingt nach einem entspannten Arbeitsmarkt. Doch 84 Prozent der gemeldeten offenen Stellen richten sich an Fachkräfte, während viele Arbeitssuchende diese Qualifikationen nicht mitbringen. Die Zahlen täuschen über den Mangel hinweg.
Was die Region jetzt braucht
Betriebe reagieren mit Assistenzausbildungen, die Ungelernte in neun Monaten in Mangelberufe bringen, mit Kurzarbeitergeld, um Stammpersonal in schwachen Konjunkturphasen zu halten, und mit internationaler Rekrutierung über Portale wie EURES und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit.
Die IHK sieht langfristig auch im Potenzial von Frauen einen Hebel: Nur 40 Prozent der Mütter von Kindern unter drei Jahren sind in der Region erwerbstätig. Mehr Betreuungsangebote könnten hier Arbeitskapazitäten freisetzen, die heute ungenutzt bleiben.
Ob all das reicht, um die Lücke bis 2029 zu schließen, bleibt offen. Was sicher ist: Wer in der Oberpfalz heute einen Betrieb führt, denkt beim Thema Personal schon lange nicht mehr nur in Kilometer, sondern in Kontinenten.
Quellen: IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim (Arbeitsmarktradar 2024/2029), Bundesagentur für Arbeit / Agentur für Arbeit Weiden (Pressemitteilungen und Statistik 2025/2026), Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz (Ausbildungsstatistik 2025), Bayerisches Landesamt für Statistik.
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